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von Tobias Klein
Ebenso wie die Stadt Nordenham an sich verdankt auch die Volxbühne Westersee ihre Existenz in gewissem Sinne Wilhelm Müller. Der Atenser Kaufmann, der um die Mitte des 19. Jhs. die Bedeutung der Dampfschiffahrt für den Viehhandel erkannte und durch seine Initiativen die Voraussetzungen für die Entstehung der Stadt Nordenham auf einer ehemaligen Sandbank in der Weser schuf, hätte sich wohl kaum träumen lassen, daß er noch lange nach seinem Tod einige kulturelle Entwicklungen in "seiner" Stadt in Gang bringen würde, von denen die Gründung der Volxbühne Westersee nur eine - aber, wie wir hoffen, nicht die unbedeutendste - ist.
Alles begann damit, daß anläßlich Wilhelm Müllers 100. Todestag im Jahre 1999 ein großes Festspiel über das Leben des Stadtgründers in Szene gesetzt wurde. Das Stück stammte aus der Feder von Inge Debelts, hieß "Der Friesenhäuptling" und sollte knapp 20mal auf einer eigens dafür geschaffenen Freilichtbühne am Weserufer, mit über 1000 Zuschauerplätzen, aufgeführt werden. Ein Theater-Event dieser Größe hatte Nordenham seit Ewigkeiten nicht erlebt, wenn überhaupt je. Ehrensache, daß auch ich mir eine der Aufführungen ansah, zusammen mit meinem Freund und Kollegen Bernd Struß.
Bei allem Respekt vor der Leistung, einen solchen Pottwal von einem Theaterstück lebend auf die Bühne zu bekommen, warf der "Friesenhäuptling" bei Bernd und mir doch einige Fragen auf. Insbesondere erschien uns die Glorifizierung des Stadtgründers fragwürdig. Wir konnten's nicht lassen, während der laufenden Aufführung darüber zu diskutieren, und schließlich drehte eine vor uns sitzende ältere Dame sich indigniert um und kommentierte unsere kritischen Anmerkungen mit den Worten: "Erst mal besser machen!"
Im Grunde ist diese erboste Seniorin die eigentliche Anregerin der Volxbühne Westersee.
"Genau!" dachten wir nämlich und machten uns auf der Stelle daran, Ideen für ein Wilhelm-Müller-Stück der eigenwilligeren Art zu sammeln. Ein paar Wochen später war das Grundgerüst des satirischen Volksstücks "Wilhelm Müller - Ein Junggesellenabschied" fertig; an den Details feilten wir allerdings noch Monate.
An die Gründung eines eigenen Ensembles, gar eines Vereins, war zu diesem Zeitpunkt noch nicht gedacht. Vielmehr wollten wir das Stück mit Hilfe bereits etablierter Theaterkräfte auf die Bühne bringen. Daß zum Jahreswechsel 1999/2000 einige Mitwirkende des "Friesenhäuptlings", erfahrene Darsteller der Niederdeutschen Bühne Nordenham, den Verein Theater Fatale gegründet hatte, der hochdeutsches und insgesamt "etwas anderes" Theater nach Nordenham bringen wollte, schien da ganz gut zu passen. Wir gaben dem Fatale-Vorsitzenden unseren "Junggesellenabschied" zu lesen; er war begeistert und zeigte sich interessiert, das Stück mit seiner Truppe herauszubringen. Übrigens gab er den Text auch an die "Friesenhäuptling"-Autorin Inge Debelts weiter, und auch sie äußerte sich lobend.
Aus der Zusammenarbeit mit Theater Fatale wurde dann aber doch nichts; die "Fatalisten" wandten sich einem anderen Projekt, der Science-Fiction-Komödie "Meuterei auf RS Eumel" von Inge Debelts, zu. Um unser Stück nun aber trotzdem der Öffentlichkeit präsentieren zu können, waren wir nun mehr oder weniger gezwungen, auf eigene Faust ein Ensemble zusammenzustellen. Als Proben- und Aufführungsort wurde uns die Aula des Gymnasiums zur Verfügung gestellt, allerdings unter der Auflage, daß wir die Produktion offiziell zu einer Veranstaltung der schuleigenen Theater-AG deklarierten.
Genügend Personen zusammenzubekommen, die sich das Schauspielern sowohl (zu)trauten als auch es tatsächlich konnten, war gar nicht so einfach; schließlich konnten aber alle Rollen gut besetzt werden, und es fand sich eine Truppe zusammen, in der es auch "menschlich" gut klappte. So war es nicht verwunderlich, daß sich nach den gelungenen "Junggesellenabschied"-Aufführungen im September 2000 im Ensemble der Wunsch regte, "weiterzumachen". Nur wie und was? An Ideen für neue Projekte fehlte es nicht, aber einige erste Anläufe verliefen im Sande - zumeist aus organisatorischen Gründen. Ostern 2001 fand dann eine richtungsweisende Besprechung in Charly's Musikkneipe statt. Die "Junggesellenabschied"-Mitwirkenden Maik Buhr und Edlef J. Jessen hatten ebenso wie Bernd und ich die Idee gehabt: "Wir sollten einen Verein gründen!" Warum auch sollte die alte Weisheit, daß drei Deutsche mindestens vier Vereine gründen, schließlich gerade auf uns nicht zutreffen.
Die Gründungsversammlung fand am 18. September 2001 in Blexen statt. Fast alle Gründungsmitglieder waren schon beim "Junggesellenabschied" dabeigewesen. Seitdem also "gibt es uns" - womit eigentlich nur noch die Frage zu beantworten wäre, die uns am häufigsten gestellt wird:
"Was soll eigentlich dieser komische Name?"
Der Name "Volxbühne" ist natürlich eine Verballhornung von "Volksbühne", und mit diesem Begriff verbinden sich eine ganze Menge Assoziationen; zum Beispiel die eines Theaters "für alle" im Gegensatz zu einem nur von fein gekleideten Honoratioren besuchten Theater; der Gedanke eines sozialen und politischen Engagements von Theater; und z.B. auch die Berliner "Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz", die seit über einem Jahrzehnt bekannt ist für Theater, das ästhetischen Anspruch mit hohem Unterhaltungswert zu verbinden weiß. Man könnte bei "Volkstheater" allerdings auch an "Ohnsorg" oder "Komödienstadl" denken, und um klarzustellen, daß wir etwas anderes machen als diese, steht das "X" als Verfremdungseffekt im Vereinsnamen. Der NWZ-Artikel zur Vereinsgründung brachte es in der Überschrift auf den Punkt: "Das ‚X' steht für experimentell".
Die "Westersee" ist ein alter Name für die Nordsee. Dieser Namenszusatz bringt also das Element der regionalen Verwurzelung ein, ohne uns nun unbedingt auf Blexen, Nordenham oder die Wesermarsch einzugrenzen. Daß manche Menschen aufgrund ungenauen Lesens annehmen, wir kämen aus Westerstede, müssen wir wohl hinnehmen.