» Kultur-Weltspiegel 

Lesen

Kultur-Weltspiegel Westersee Spezial - Nordenhamer Stadtfest 2003

Liebe Leser,

manchmal geht das Schicksal sonderbare Wege. Manch einer erinnert sich vielleicht noch daran, wie ich in einer meiner ersten "Kulturweltspiegel"-Kolumnen die Idee der allzeit umtriebigen Venema-Lenz-AG, eine Privatbrauerei auf Aktien aufzuziehen, auf die Schippe nahm. Als die Kolumne dann auf unserer Homepage veröffentlicht wurde, fand der nicht ganz unbissige Beitrag ein unerwartetes Echo: Eine Wein- und Sektkellerei wurde auf diesem Wege auf Venema und Lenz aufmerksam und fragte bei uns (!!) an, ob wir einen Kontakt zwecks möglicher Zusammenarbeit mit den ideenreichen Abbehausern vermitteln könnten.

Haben wir damals also ganz unfreiwillig Werbung für das Gespann Udo & Uwe gemacht, so dürften die Herren es nicht ungern sehen, wenn ich mich hier und jetzt erneut über sie auslasse.
Über den sonderbaren Coup, das 300 Jahre alte Müllerhaus in Moorsee zu kaufen, obwohl sie noch gar nicht wissen, ob und wenn ja wozu sie es nutzen können - wobei sie den Rüstringer Heimatbund brüskierten, der einen Kauf des historischen Gebäudes durch den Landkreis angeregt hatte - will ich schweigen. Stattdessen sei hier die Rede von einem anderen Fall von fragwürdigem Umgang mit lokalen Altertümern: einer von Venema und Lenz initiierten Schlager-Version der altehrwürdigen Hymne "Hurra Butjarland", die beim diesjährigen Nordenhamer Stadtfest ihre Weltpremiere erlebt hat.

"Hurra Butjarland" wurde von dem in Brake geborenen Lehrer, Historiker und Heimatdichter Emil Pleitner gedichtet und 1903 von dem Rodenkircher Schulmeister Theodor Harms vertont; das etwas pathetische, jedenfalls aber gemütvolle plattdeutsche Lied hat halboffiziell den Status einer "Kreishymne" der Wesermarsch inne und wird in heimatverbundenen Kreisen oft, gern und mit feierlichem Ernst gesungen. Nun aber sind Udo Venema und Uwe Lenz - wie die Kreiszeitung andeutet, aus einer Bierlaune heraus - auf den Gedanken verfallen, das Lied zu einem Partyschlager umzufrisieren. Einen willigen Vollstrecker fanden sie in dem Schlagersänger Ronny Becker, dessen bislang größter Hit - wie die Kreiszeitung am 8. Januar zu berichten wusste - "Jodel-Da-Di-Du" heißt und der vor vier Jahren beim Oktoberfest mit dem einem prominenten Fußballer gewidmeten Song "Lo-Lo-Lothar" Triumphe feierte. Nun ja.

Übrigens singt Ronny Becker das Lied "auch gar nicht auf Platt", und es trägt in seiner Version den Titel "Hurra Butjader Land", was, wie selbst die Kreiszeitung erkennt, ein Unding ist: ein "Butjader Land" gibt es schließlich gar nicht, auf hochdeutsch müßte es, wenn schon, "Butjadinger Land" heißen, aber das paßt nun mal nicht ins Metrum.
Der bierzelttaugliche Schlager wurde auf CD gebrannt, mit einer Anfangsauflage von 1000 Stück, die auf dem Nordenhamer Stadtfest vertickt werden sollte. Dort brachte, am Sonnabend, Ronny Becker das Machwerk auch live zu Gehör. Kann aber nicht so ganz der große Knüller gewesen sein; die Kreiszeitung fand seinen Auftritt "unfreiwillig komisch", die NWZ ignorierte ihn ganz. Das lässt ja hoffen, dass die verpoppte Butjadingen-Hymne nun doch nicht der große Hit wird, den die Veranstalter im Auge hatten. - Ich hatte mich übrigens schon im Vorfeld an den Vorsitzenden des Rüstringer Heimatbundes, Hans-Rudolf Mengers, gewannt und die Frage aufgeworfen, ob der Heimatverein - in dem ich seit 15 Jahren Mitglied bin! - nicht gegen diese unwürdige Behandlung der altehrwürdigen Hymne protestieren solle. Ich bekam eine ausführliche Antwort, in der Mengers Vergleiche zu "Wilhelm Müller - Ein Junggesellenabschied" zog... Ich werde ihm demnächst nochmals schreiben und ihn zu überzeugen suchen, dass das nun wahrlich zwei verschiedene Paar Schuhe sind. Wen die Korrespondenz mit Mengers interessiert, dem schicke ich sie gern zu.

Auch sonst hatte das Stadtfest nicht unbedingt nur Erfreuliches zu bieten, aber wann hätte es das jemals gehabt. Wenigstens die Parade (ich habe beschlossen, es lieber "Parade" als "Umzug" zu nennen, denn "Umzug" klingt so nach "Wohnungswechsel") war ein Highlight, wozu wir mit unserem Superdrachen "Nepomuk" nicht unwesentlich beigetragen haben. Die Zuschauer am Straßenrand waren durchweg begeistert, wir wurden sehr viel fotografiert, und es hat extrem viel Spaß gemacht. Auch das Wetter spielte mit, es war nicht zu heiß, und gelegentliche Windböen blähten den Drachenleib schön auf und brachten den Schweif zum Wedeln. Weniger günstig war, daß der Reitclub direkt vor uns war, so daß wir häufig Exkrementen in fester und flüssiger Form ausweichen müßten. Trotzdem hat der Reitclub nur die zweitgrößte Scheiße des Tages fabriziert; die größte geht aufs Konto der Jury, die die Prämierung vornahm. Obwohl unser Beitrag zur Parade eindeutig einer der schönsten und wahrscheinlich der aufwendigste war, gingen wir bei der Preisvergabe leer aus. Um die Preise - es war entgegen der Ankündigung kein Geld, sondern nur Einkaufsgutscheine - ist es zwar nicht schade, aber ein bißchen Anerkennung wäre schon nett gewesen. Naja, Nordenham.
- Daß der erste Preis an den "Freundeskreis Wisch" ging, die ihren Kampf gegen den Poller am Buttelwarfer Weg in einem lustigen Motivwagen darstellten, geht schon in Ordnung und war zu erwarten. Platz 2 belegte der Kinderzirkus Fantaasi und Platz 3 --- der Reitclub. Was soll man da noch sagen.

Was das weitere Programm angeht, so wurde ich wenige Tage vor Stadtfestbeginn wie folgt angesprochen (für die, die ihn kennen: von Fabian, dem großen Langhaarigen mit dem Gestapo-Mantel): "Wenn du einen Leserbrief über das Stadtfest schreibst, dann beschwer' Dich doch mal darüber, daß keine lokalen Bands gefördert werden!" Ich erklärte, daß ich eigentlich keinen Leserbrief zum Stadtfest schreiben wolle; aber Recht hat er schon. Immerhin handelt es sich um das "Nordenhamer" "Stadtfest", was doch wohl soviel heißt wie: Sinn und Anlaß des Festes ist, daß die Stadt Nordenham sich selbst feiert. Wäre es da nicht ganz besonders angebracht, dieses Fest auch von einheimischen Musikern mitgestalten zu lassen?

Abgesehen von "Prime Time", die das gleiche langweilige Coverversionen-Programm spielt wie tausend andere Showbands auch und deshalb "nicht zählt", trat eine einzige lokale Band, die Mädchencombo "Nothingness", beim Stadtfest auf; der Hauptteil des Musikprogramms wurde hingegen, wie üblich, von auswärtigen Gruppen bestritten, die davon leben, von einem Stadtfest zum anderen zu tingeln. Okay: Die wollen auch leben. Aber ich müßte unsere heimischen Kleinkapitalisten schlecht kennen, um zu glauben, daß solch karitative Überlegungen entscheidend für die Programmgestaltung wären.

Man kann auch nicht behaupten, daß Nordenhams lokale Musikszene nicht genug zu bieten hätte. Gerade erst hat das Kulturbüro (oder wer) die dritte "Sound of the Scene"-Compilation herausgegeben, diesmal sogar eine Doppel-CD. Von den dort vertretenen Gruppen waren, wie gesagt, nur "Prime Time" und "Nothingness" beim Stadtfestzu hören. Warum? Sind die anderen nicht gut genug?

Kann ja sein - "Sethnefer" zum Beispiel, eine Lokalband, die ich kürzlich auf WSM TV (ehemals "Offener Kanal") sah, ist ganz fürchterlich - aber, ahem: Seit wann gibt's auf dem Stadtfest gute Musik? Soll ja schon mal vorgekommen sein, ist aber eher die Ausnahme. Die "Tramps" z.B., die alle drei Abende auf dem Peterlee-Platz aufgetreten sind und dafür vermutlich gutes Geld kassiert haben, waren geradezu beleidigend schlecht. Und originell ist das, was die einschlägigen Partybands so bieten, so gut wie nie - aber Originalität war ja noch nie die starke Seite der Stadtfestorganisatoren. Wenn die Bands, die Nordenham dieser Tage beschallen, den lokalen Musikgruppen etwas voraushaben, dann Professionalität - aber das ist eine Art von Professionalität, die schnell langweilig wird. Im Kontrast dazu haben einheimische Bands, auch wenn sie sich vielleicht ab und zu mal verspielen oder, wie die Mädels von "Nothingness", beim Musikzieren etwas schüchtern aus der Wäsche kucken, in der Regel eine lokale Fanbasis vorzuweisen, was schon mal ein gewisses Maß an Stimmung garantiert. Und, liebe Veranstalter: Billiger sind sie bestimmt auch!

Zu den schönsten Absurditäten des Stadtfestes gehörte die "Formel-1-Party" am Sonntag, obwohl an dem Tag gar kein Formel-1-Rennen stattfand - tja, liebe Veranstalter: der GP von Ungarn ist dieses Jahr eine Woche später! Aber Uwe Lenz erklärte beinahe trotzig: "Wir hatten die letzten Jahre immer eine Formel-1-Party und wollten auch dieses Jahr nicht darauf verzichten." Wenn ihr meint...

Was es sonst noch an Peinlichkeiten und Sinnlosigkeiten beim Stadtfest gab, bitte ich der Presse zu entnehmen, die sich heuer mal traute, etwas ehrliche Kritik zwischen die übliche Lobhudelei zu mischen. Na ja, alles in allem hat wohl Torben Haats den treffendsten Kommentar zum Stadtfest abgegeben: "Wenn man sich das Stadtfest als eine gigantische Bad-Taste-Party vorstellt, ist es ziemlich gut."

An alle, die nicht da waren (das sind ja wohl die meisten von Euch): Herzlichen Glückwunsch, Ihr habt's richtig gemacht. Ist aber trotzdem schade. Mit Euch wäre es lustiger gewesen.

Schöne Grüße und bis zum nächsten Mal,

Euer Presswart