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Kultur-Weltspiegel Westersee Nr. 8 - Presseschau und mehr

Liebe Leser,

herzlich willkommen zur letzten noch im Jahre 2002 geschriebenen Kolumne. Aber keine Angst: Ein Jahresrückblick wird es nicht werden, den hat es ja schon ­ auf den Verein bezogen ­ bei der Jahreshauptversammlung gegeben (wer nicht da war: selber schuld). Für den Verein endet das Jahr ja schon im September...

Wie dem auch sei: Auch ohne Jahresrückblick gibt es wieder genügend Stoff für die Kolumne. Es könnte daher mal wieder ein längeres Exemplar werden, also lest es am besten offline ­ ist billiger.

Hier meine heutigen Themen:

  1. „Schneewittchen und die 7 Zwerge“ von der Niederdeutschen Bühne Nordenham
    (nebst einigen grundsätzlichen Anmerkungen zu diesem und jenem)
  2. Wissenswertes aus versunkenen Epochen
  3. Erst kommt das Saufen, dann die Moral
  4. Nachlese zu #7

Das erste Thema dürfte das umfangreichste werden, und ich entschuldige mich schon mal im Voraus für die barocken Abschweifungen, zu denen die Materie mich voraussichtlich verführen wird ­ aber ich hatte Euch ja schon in #7 vor einer Erhöhung des Theoriegehalts gewarnt. ­ Im Neuen Jahr, fest versprochen, kommt dann endlich die schon in #6 angekündigte Auseinandersetzung mit Hugo Ahlhorns Buch „So is dat Läben“. Aber nun erst mal genug der Einleitung.

1. „Schneewittchen“

Hans Ehrke, einer der angesehensten plattdeutschen Schriftsteller seiner Zeit, beklagte 1925 in der Zeitschrift „Der Schimmelreiter“ die „merkwürdige Anspruchslosigkeit“, die sich in der plattdeutschen Bühnenbewegung breitmache: „Selbst von ernsthaften Leuten wird eine (im Hochdeutschen selbstverständliche) unerbittlich scharfe Kritik abgelehnt. […] Fade Entschuldigungen, die das plattdeutsche Schrifttum zur Brutstätte des Dilettantismus machen. Selbstverständlich kann nur allerhärteste Kritik fördernd sein.“

Mit dieser Haltung machte sich Ehrke viele Feinde, und das ist verständlich: Er hatte nicht berücksichtigt, daß Kritik nur dann konstruktiv sein kann, wenn sie jeden im Rahmen seiner Möglichkeiten beurteilt, und daß eine Kritik, die vom Olymp eines ästhetischen Ideals herab ausgesprochen wird, allzu oft nur frustriert und Trotzreaktionen provoziert ­ gerade bei Laien.

Die Reaktionen auf meine letzte Reihe von Theaterkritiken (# 5) haben mir wieder einmal gezeigt, wie sensibel man sich ­ nicht nur beim plattdeutschen Theater ­ als Kritiker verhalten muß, und ich gebe zu, daß mir das oft nicht leicht fällt. Aber wie macht es denn die Lokalpresse? Es ist durchaus nicht wahr, daß sie alles über den grünen Klee loben würde, solange es nur von einem lokalen Laienensemble stammt. Die lokalen Journalisten wissen ihr Lob wohl zu dosieren. Sie zeigen allerdings oft eine gewisse Befangenheit, wenn es darum geht, Tadel auszusprechen. Das ist verständlich in einer Kleinstadt, in der der Journalist den Laiendarsteller schon am nächsten Tag in einem anderen Kontext wiedertreffen kann und die Feierabendschauspieler ihren professionellen Kollegen in puncto Eitelkeit nicht unbedingt nachstehen ­ letzteres möchte ich übrigens gar nicht als Tadel verstanden wisse, Eitelkeit gehört zur Schauspielerei einfach dazu.

Also, wie gesagt: Lob läßt sich abstufen, direkte Tadel sind problematisch. Das führt allzuoft zu einigermaßen nichtssagenden Kritiken, wenn der Rezensent nichts Schlechtes sagen will, aber nicht allzuviel Gutes zu sagen weiß. Da flüchtet man sich dann in Allgemeinplätze, hält sich möglichst lange mit der Nacherzählung der Handlung auf u.ä., mag der Leser sich sein Teil denken, der Rezensent jedenfalls hat seine Haut gerettet.

Diesen Eindruck hatte ich auch bei Natascha Manskis Premierenkritik zur „Schneewittchen“-Inszenierung der Niederdeutschen Bühne Nordenham (4.12. in der NWZ); was ich um so unverständlicher fand, als ich mir das Stück am 11.12. selbst ansah und feststellte, daß man durchaus einiges Gutes darüber hätte sagen können.

Das möchte ich jetzt hier tun. ­ Seit ein paar Jahren inszeniert die NdB Nordenham neben einem Stück im Frühjahr (um Ostern) und einem im Herbst auch noch ein vor allem für Kinder gedachtes Märchenspiel vor Weihnachten ­ allerdings in hochdeutscher Sprache, denn während früher einmal die hiesigen Kinder von Haus aus nur platt sprachen und Hochdeutsch erst in der Schule lernten, ist es heute bestenfalls umgekehrt. Dieses Jahr war „Schneewittchen und die sieben Zwerge“ an der Reihe. Dieses klassische Märchen ist schon verschiedentlich dramatisiert worden; die Version, die in Einswarden auf die Bühne gebracht wurde, hatte Susanne Marth verfaßt, die auch Regie führte. Frau Marth hatte sich offenbar an der Disney-Verfilmung aus dem Jahre 1937 orientiert, wie man vor allem am Auftrittslied der sieben Zwerge sowie an ihren Namen (Schlafmütz, Brummbär, Happy usw.) merken kann, die ja zugleich auch ihre typischen Verhaltensweisen anzeigen. Von der Disney-Version ist aber leider auch die typisch amerikanische Sorglosigkeit im Umgang mit Traditionsgut übernommen worden, und so sind hier einige Märchenmotive durcheinandergeraten. Am Anfang sieht man, wie Schneewittchen zu Hause waschen und putzen muß: Entschuldigung, war das nicht Aschenputtel? Und daß der Prinz sie am Ende durch einen Kuß erweckt, das ist ja wohl Dornröschen. Aber zu den Details des Stücks wollte ich später kommen (die Grundzüge der Handlung setze ich mal als bekannt voraus); erst einmal zur Inszenierung.

Das erste, was mir als bemerkenswert auffiel, war das höchst raffinierte Bühnenbild. Das Schloß im ersten Bild, das Zwergenhaus in den vier weiteren waren von außen und innen zugleich zu sehen, es gab eine doppelte Tür; wer im Bühnenbild von drinnen nach draußen zu gehen hatte, ging durch die „innere“ Tür von der Bühne ab und kam durch die „äußere“ zurück.

Als zwischen zwei Waldszenen noch einmal zum Schloß „zurückgeschaltet“ werden mußte, wurde einfach ein mit Wald bemaltes Stück Vorhang aufgezogen, und dahinter, ta-Da, erschien das Gemach der Königin.

Phantastisch, so etwas ­ und eine höchst willkommene Abwechslung zum hierzulande vorherrschenden „Oberflächenrealismus“. Man könnte meinen, ebenso wie die Erfindung der Photographie der rein abbildenden Malerei den Garaus gemacht hat, müßten Film und Fernsehen auch der abbildhaften Ästhetik im Theater das Totenglöckchen bimmeln, aber davon ist ­ zumindest in der sogenannten „Provinz“ ­ nicht viel zu merken: Spielt das Stück (z.B.) in einem Wohnzimmer, sieht die Bühne aus wie ein Wohnzimmer, ob mehr oder weniger gelungen, ist in erster Linie eine Frage des Geldes. Bei „Schneewittchen“ konnte man sehen, daß es auch anders geht ­ vielleicht hat man sich hier „getraut“, weil das Stück ein Märchen ist??

Nicht nur im Bühnenbild zeigt die Inszenierung eine betont nicht-naturalistische Ästhetik. Die Darsteller sind grell geschminkt, ihre Kostüme immer als Kostüme erkennbar ­ besonders toll: Reiner Böning als Jäger. Er trägt einen falschen Bart, obwohl er einen echten hat, und der falsche Bart hängt ihm so lose am Kinn, daß man den echten immer noch sehen kann. So etwas gefällt mir. Auch der Sprachduktus der Darsteller ist stilisiert, und das ist sehr gut so. Man weiß ja, daß Laiendarsteller, gerade junge und unerfahrene, dazu neigen, ihren Text überdeutlich und dadurch unnatürlich zu betonen. In dieser Inszenierung wird aus dieser Not eine Tugend gemacht: „Natürliche“ Sprechweise wird gar nicht erst angestrebt. Besonders gut auch hier wieder Reiner Böning in seiner anderen Rolle als schwächlicher, lethargischer König, der in einem melancholischen Singsang spricht. Erstaunlich gut präsentieren sich auch die sieben Zwerge, die von Kindern, schätzungsweise im frühen Grundschulalter, dargestellt werden. Ihr Auftrittslied „Heiho, heiho, wir sind vergnügt und froh“ klingt zwar gar nicht vergnügt, sondern reichlich gequält, aber das hat auch was; und davon abgesehen ist die darstellerische Leistung der Kleinen ausgesprochen beachtlich.

Mit wirkungsvollen Effekten wurde nicht gespart: In der Szene, in der die Königin sich in das alte Apfelweib verwandelt, um Schneewittchen zu vergiften, blitzt und donnert es beträchtlich, was dem jungen Publikum viel Vergnügen bereitet. Cool ist auch der Zauberspiegel: Hat dieser der Königin etwas zu vermelden, taucht hinter einer Art Gaze-Schleier ein Kopf mit prima 80er-Jahre-Cure-Fan- Frisur auf und spricht mit Grabesstimme; leider war aus dem Programmheft nicht zu ersehen, wer (im wahrsten Sinne des Wortes) hinter diesem Spiegel steckte.

Bei allem Lob für die Inszenierung kann ich mir etwas Kritik am Stück selbst nicht verkneifen. Von der Vermischung verschiedener Märchenmotive habe ich schon gesprochen; nun will ich es gern hinnehmen, wenn mir jemand sagt, das sei doch gar nicht schlimm. Richtig ist: Wenn man mal so einen Band „Kinder- und Hausmärchen der Gebrüder Grimm“ durcharbeitei, stößt man immer wieder auf Märchen, die sich zum Verwechseln ähnlich sehen, oder zumindest auf Motive, die in allerlei verschiedenen Märchen immer wieder auftauchen. Warum also nicht ein paar Häppchen „Aschenputtel“ und „Dornröschen“ in den Schneewittchen-Stoff hineinmengen. Wenn die Autorin sch aber schon so ausgiebig bei dem Disney-Film bedient, hätte sie vielleicht auch beim Charakter der Königin Anleihen machen sollen. Warum muß die so eine vulgär schwadronierende Schreckschraube sein? Ein bißchen mehr Coolness auf Seiten der Bösen schadet nie.

Der Text ist im Ganzen nicht gerade als literarische Leistung anzusehen, gelegentlich wirkt er fast lieblos zusammengeschustert, als sei es nur ein notwendiges Übel, daß die Personen auch etwas sagen müssen. Vielleicht dachte man sich, ein Kinderstück verlange nach einem möglichst schlichten, anspruchslosen Text. Das sehe ich aber nicht so. Entscheidend ist doch, daß die HANDLUNG leicht verständlich ist, und das ist bei einem Märchenklassiker wie „Schneewittchen“ allemal gegeben. Beim Text muß man sich im Detail wahrlich keine Sorgen um etwaige Verständnishürden machen. Solange nur die Grundzüge des Geschehens klar bleiben, wird sich schon jeder seinen geistigen Fähigkeiten entsprechend etwas heraussuchen. Und zudem: Man sollte sich auch nicht scheuen, Kinder manchmal mit etwas zu konfrontieren, was womöglich über ihren jungen Verstand geht. Sonst muß man sich über Pisa-Studie und Co. Nicht wundern.

Ganz falsch finde ich es, aus Rücksicht auf die kindlichen Gemüter die angebliche Grausamkeit des Märchens abmildern zu wollen. Ich bin kein Kinderpsychologe und kann meine Ansicht nicht belegen, bin aber überzeugt, daß die vielgeschmähte Grausamkeit der Märchen für den „Angsthaushalt“ der Kinder gerade gut und wichtig ist. Das kann man auch an Harry Potter sehen. Aber ich komme vom Thema ab. ­ Als die Königin in Susanne Marths Schneewittchen-Version den Jäger mit dem Mädchen in den Wald schickt, gibt sie ihm nicht den Auftrag, es zu töten; er soll lediglich dafür sorgen, daß sie sich im Wald verläuft. Diese Genierlichkeit gegenüber der Gewalt führt zu einigen logischen Anschlußfehlern. Im Wald richtet der Jäger sein Gewehr auf das eingeschlafene Schneewittchen, schießt dann aber doch nur in die Luft ­ was soll das, wenn er doch gar keinen Auftrag hat, das Kind zu töten? Wenn Schneewittchen aber gar nicht getötet werden sollte, warum ist die Königin dann so überrascht und erzürnt, als der Zauberspiegel ihr mitteilt, daß das Mädchen noch lebt? ­ Die Königin sagt dann, sie habe angenommen, Schneewittchen sei längst von den Tieren gefressen worden. So etwas kann man Kindern gegenüber offenbar sagen, solange nur die Reizwörter „töten“ oder „Tod“ drin vorkommen. Ts, ts. Mit dem präparierten Apfel will die Königin Schneewittchen natürlich auch nicht töten, Gott bewahre! ­ lediglich in einen hundertjährigen Schlaf soll sie fallen, womit wir wieder mitten drin im falschen Märchen, „Dornröschen“, wären.

Aber genug Gequese; Lessing würde sagen „so mittelmäßig das Stück war, so vortrefflich ist es vorgestellet worden“, und darauf kommt es ja in erster Linie an. Die Kinder im Publikum haben sich bestens amüsiert, und selbst vor meinem kritischen Auge überwogen die positiven Eindrücke. Da sage ich: Weiter so, Niederdeutsche Bühne!

In der nächsten Ausgabe dann etwas über „Twee Fronslüü toveel“ von der Spielschar des Bürgervereins Ellwürden, vorausgesetzt ich schaffe es, Freitag in die Vorstellung zu gehen. Ansonsten aber auf jeden Fall etwas über die diettantische Premierenkritik in unserer Freundin, der Kreiszeitung. Zunächst aber zu den positiven Seiten des Zeitunglesens.

2. Wissenswertes aus versunkenen Epochen

Zeitungslesen bildet ungemein, das zeigt sich gerade in der Vorweihnachtszeit immer wieder. Am 14.12. zum Beispiel präsentierte die NWZ in ihrer Serie „Köpfe ­ Porträts großer Zeitgenossen“ einen lesenswerten Artikel über „Prinzessin Rosamunde“. Ob man sie über 1400 Jahre nach ihrem Tod noch zu den „Zeitgenossen“ rechnen kann, sei mal dahingestellt; aber ihre Biographie ist auch für Nichtkenner der Völkerwanderungs-Historie interessant. „Rosamunde (540-573) war die Tochter Kunimunds, des letzten Königs der Gepiden“, weiß die NWZ zu berichten. „Er galt allgemein als Erbfeind der Langobarden“. Und da die das auch so sahen, besiegte und tötete eines Tages der Langobardenkönig Alboin Rosamundes Vater und ließ aus seinem Schädel einen Trinkbecher anfertigen. Nun wissen wir auch, warum diese Geschichte uns in der Serie „KÖPFE“ aufgetischt wird! Nun, damit nicht genug, zwang Alboin Rosamunde zur Ehe; als er sie aber auch noch dazu nötigen wollte, aus dem oben beschriebenen Becher zu trinken, ließ Rosamunde Alboin von ihrem Geliebten Helmichts ermorden und floh dann mit diesem nach Ravenna zu den Römern. Dort wollte Rosamunde nun auch noch den ihr überdrüssig gewordenen Helmichts vergiften. „Doch der bereits verabreichte todbringende Trank wirkte nur langsam“, so die NWZ weiter. „Helmichts hatte noch Zeit und die Kraft, Rosamunde zu zwingen, gemeinsam mit ihm den todbringenden Becher zu leeren.“

Meine Herrn! Da ist ja Stoff für mindestens drei klassische Tragödien à la Corneille/Racine oder wahlweise ein Sturm-und-Drang-Drama drin! Der alte Schlager „Rosamunde, schenk mir dein Herz und sag ja“ erhält vor diesem Hintergrund aber eine leicht morbide Nebenbedeutung...

Dramatisches aus der Vergangenheit weiß auch die Kreiszeitung ihren Lesern zu präsentieren. In einer Serie über die Entstehungsgeschichte Nordenhamer Straßennamen war am 14.12. die Straße „An der Papenkuhle“ in Blexen dran. Die Papenkuhle selbst, ein schlammiges Wasserloch, wurde zwar während des II. Weltkriegs von Zwangsarbeitern trockengelegt, aber in dem Straßennamen lebt sie fort. Was hat es nun mit dem Namen auf sich? Unter Berufung auf Museumsleiter Dr. Timothy Saunders, der allerdings einräumt, bewiesen sei diese These nicht, leitet die Kreiszeitung den Namen von einem Hinrich Pape her, der sich am 17.7.1642 in der besagten „Kuhle“ etränlt habe ­ möglicherweise, nachdem er bei derselben Sturmflut, bei der das Loch enstanden war, sein Hab und Gut verloren hatte.

Kaum hatte ich das gelesen, fand ich zufällig noch eine andere Erklärung für den Namen „Papenkuhle“ ­ und zwar im Vorgängerblatt der Kreiszeitung, der „Butjadinger Zeitung“. Genauer gesagt, in der Ausgabe vom 25.7. 1924. Die Geschichte, die dort erzählt wird, gehört sehr wahrscheinlich ins Reich der Sage, ist aber nichtsdestoweniger interessant. Ich zitiere:

„Vor 400 Jahren befand sich hinter dem Kirchhof ein Kloster mit vier Mönchen oder Papen; einer soll in die sogen. Papenkuhle gestürzt worden sein, weil er nicht genug gebetet hatte, damit der Deich nicht brach. Als nun der Deich brach, mußte er die Strafe leiden.“

Diese Entdeckung, so kurz nach dem besagten Artikel vom 14.12., freut mich so sehr, daß ich der Kreiszeitung einen Leserbrief darüber geschrieben habe. Die werden sich schön wundern: Ein Leserbrief, in dem ich nichts zu kritisieren habe!

3. Erst kommt das Saufen, dann die Moral

Ich könnte ihnen natürlich auch etwas ganz anderes schreiben, aber das schreibe ich lieber hier als in einem Leserbrief. Ebenfalls am 14.12. gab es in der Kreiszeitung in der Kolumne „Land und Leute“ einen Beitrag von Redaktionsleiter Christoph Heilscher mit der Überschrift „Vielen Dank, Jungs“.

Darin ging es um legale Drogen (Alkohol, Nikotin), die, wenn man sie an Minderjährige verkauft, doch wieder illegal werden: „Das ist nämlich verboten.“ (zit. Heilscher) Wer wollte da widersprechen, und natürlich stimme ich mit seiner Aussage „Mit elf Jahren sollte man noch keinen Alkohol trinken, mit 13 oder 14 auch nicht, oder höchstens mal einen kleinen Schluck bei den Eltern“ (zit. Heilscher) prinzipiell zu. Was also, abgesehen von dem in obigen Zitaten wohl deutlich werdenden schulmeisterlichen Tonfall, regt mich nun an diesem Artikel so sehr auf, daß ich Euch damit behelligen muß? ­

Nun, man weiß ja, daß oft schon vermeintliche Kleinigkeiten ausreichen, um mich in Harnisch zu bringen. So mußte ich erst kürzlich einen Leserbrief in der NWZ mit einem fetzigen Gegen-Leserbrief beantworten, weil der Autor Brecht falsch zitiert hatte ­ da sehe ich rot.

Bei Heilscher liegt der Fall aber komplizierter; der Mann ist immerhin Berufsjournalist. Geärgert hat mich vor allem sein Schlußsatz: „Moral ist eben doch keine Frage des sozialen Standes.“ Das sagt der einfach so! Büchner („…“), Marx („Das Sein bestimmt das Bewußtsein“), und , natürlich, Brecht („Erst kommt das Fressen, dann die Moral“) haben uns zwar anderes gelehrt, aber Christoph Heilscher kommt daher und sagt: Nö! Stimmt ja gar nicht! Und hier der Beweis:

„Eine Gruppe von Mädchen zog dieser Tage durch die Stadt, um sich entsprechenden Stoff zu besorgen. […] An einem Kiosk wären sich die Mädchen und der Verkäufer beinahe handelseinig geworden, als ausgerechnet eine Gruppe Nichtseßhafter-“

Hier muß ich mal unterbrechen. Bester Herr Heilscher: „Nichtseßhafte“ sagt man nicht. Ich weiß das von einem Experten, einem evangelischen Pastor, der sich sehr für diese Bevölkerungsgruppe engagiert. Der politisch korrekte Terminus ist „wohnungslose Arme“, man kann sie aber natürlich auch „Obdachlose“, „Treber“, „Berber“ oder „Penner“ nennen, aber nicht „Nichtseßhafte“ ­ das ist diskriminierend, weil der Begriff unterstellt, es läge in ihrer Natur, keinen festen Wohnsitz zu haben, etwa, weil sie auf einer niedrigeren Entwicklungsstufe der Menschheit ­ Jäger und Sammler etwa ­ stehengeblieben sind. Der Begriff ist, glaube ich, auch aus „anderen Zeiten“ (zit. Roland Koch) unschön vorbelastet. War keine Absicht? Okay, Heilscher, glaub ich dir. Weiter im Text.

„- die sich dort aufhielt, einmischte und meinte: ‚Nee, das sind doch Kinder, die dürfen noch keinen Alkohol haben.’ Recht so.“

Und das soll jetzt der Beweis für die Universalität bürgerlicher Moralvorstellungen sein? Sehe ich nicht so. Der Kioskverkäufer ist ja auch kein schlechter Mensch, aber er verdient seinen Lebensunterhalt damit, zu verkaufen, und zwar meist abends und meist Alkohol. Er handelt also sehr wohl im Interesse seines „sozialen Standes“, wenn er den Mädchen Alkohol verkauft. Es mag bessere Berufe geben, moralischere, auch einträglichere. Die Berber dagegen sind die soziale Stufenleiter schon heruntergefallen und können sich einen moralischen Standpunkt „leisten“ ­ weil sie damit nichts zu verlieren haben.

Ist es überhaupt richtig, hier von Moral zu reden? Die Abgabe von Alkohol an Jugendliche ist ja nicht deshalb verboten, weil es sich „nicht gehört“, daß Jugendliche trinken, sondern weil Alkohol eine gefährliche Droge ist und der Staat dafür Sorge tragen will, daß der Umgang damit auf Menschen beschränkt wird, die verantwortungsvoll damit umgehen können. Daß das nicht so ganz hinhaut, beweisen z.B. die vielen Verkehrsunfälle, Gewaltverbrechen u.ä., die unter Alkoholeinfluß zu Stande kommen, aber deswegen würde ich den Sinn der Altersbegrenzung nicht prinzipiell in Frage stellen. Was aber hat das mit Moral zu tun? ­ Man könnte jetzt sagen, die Moral kommt ins Spiel, wenn man sein Verantwortungsbewußtsein oder seine Gesetzestreue gegen die Versuchung aufrecht erhalten muß, sich zu bereichern oder sonstwelche Vorteile zu verschaffen. Na gut, aber erstens hat das sehr wohl etwas mit dem sozialen Stand zu tun, denn je nach Stus und Besitzverhältnissen ist die Versuchung für den einen größer, für den anderen kleiner; und zweitens mißfällt mir der Begriff „Moral“, der für mich eher die Übereinstimmung mit einem gesellschaftlich vorgegebenen Verhaltenskodex bedeutet. Diese Art von Moral ist aber nicht vom Himmel gefallen oder auf ewig in die Sterne geschrieben, sondern historisch veränderlich und eben auch schichtspezifisch ­ das lasse ich mir nicht so leicht ausreden.

Herr Heilscher meinte wohl, für die „Nichtseßhaften“, die er mit onkelhafter Herablassung als „Jungs“ tituliert, eine Lanze zu brechen, indem er zeigt: Die sind ja gar nicht so! Sie sind nicht weniger moralisch als ich! Dabei unterstreicht er aber nur die diffamierenden Vorurteile gegen die Obdachlosen, indem er darauf verweist, daß „ausgerechnet“ diese den schändlichen Alkoholverkauf an Minderjährige verhindern­ übrigens eine „Gruppe“, konsequenter wäre es gewesen, „Horde“ zu schreiben, ein vorpersonales Kollektiv paläolithischer Suffköppe. Sie sprechen ja sogar mit einer Stimme, nicht ein einzelner, nein, die Gruppe mischt sich ein und spricht.

Diese Heilscher-Kolumne ist der typische Fall einer vorweihnachtlichen „Wir haben uns alle lieb“-Botschaft, die sozial engagiert daherkommt, aber im Grunde doch ärgerlich reaktionär ist. Was wieder einmal beweist: Das Gegenteil von gut ist „gut gemeint“.

4. Nachlese zu #7

André Stade, der rockende Volksmusikant, der H&M-Eingekleidete wandelnde Stilbruch in der Superhitparade der Volksmusik, hat tatsächlich auf meine Mail geantwortet; darüber muß ich noch ein paar Worte verlieren, bevor ich für heute schließe. André Stades Antwortschreiben beginn wie folgt:

Hi Tobias,

Du stellst sehr interessante Fragen, die ich Dir gern beantworten will.

Schön, möchte man da gleich gegenhalten: Warum tust du’s dann nicht? Eigentlich ist das Politiker-Stil: Erst mal lobt man den unbequemen Fragesteller, damit der sich gut fühlt ­ und nicht mehr so merkt, daß er keine Antworten bekommt. Okay, auf EINE Frage geht er dann doch ein: Wie er sich dabei fühlt, zwischen lauter angegrauten Volksmusikanten aufzutreten.

Grundsätzlich stellt sich nicht die Frage der Sendung, denn jede Sendung hat Zuschauer, die sich dann als Fans meiner Musik zeigen. man muß alles abdecken. Die Schubladengeschichte ist eine Falsche, zumal die TV Shows immer weniger werden.

Ich denke ich habe eine sehr breite Zielgruppe und die möchte ich auch gern alle erreichen und finde es gut, daß sich der Redakteur dieser Sendung traut, so einen Act wie mich auftreten zu lassen. da sieht es bei den Popformaten schon anders aus. Die tun sich da sehr schwer, allein schon weil die Musik Deutsch ist. Daran müssen und werden wir arbeiten.

Diese Sendung haben sechs Millionen Menschen gesehen. Wenn nur 10000 meinen Auftritt gut fanden, hat es sich gelohnt.

Natürlich reizt mich VIVA oder MTV etc aber es ist ein langer Weg dahin, wenn man in deutscher Sprache singt und nicht Grönemeyer oder Westernhagen heißt, aber ich liebe Herausforderungen.

Nun ja, André: Der Sprache die Schuld zu geben und sich als Opfer der Amerikanisierung zu stilisieren, das ist ja nun ein wenig wohlfeil. Schließlich gibt es nicht nur Grönemeyer und Westernhagen, sondern auch Blumfeld, Sportfreunde Stiller, Xavier Naidoo, Laith Al-Deen usw. usw., von solchen Knallchargen wie Oli P. mal ganz zu schweigen. Vielleicht liegt es eben doch daran, daß der Stade aus der Schlagerecke kommt und früher, als er noch keine eigenen, sondern von Jean Frankfurter komponierte und von Bernd Meinunger getextete Liedchen geschmettert hat, wirklich höchst abgeschmacktes Zeug verbrochen hat. Auf seinen persönlichen Musikgeschmack angesprochen, fängt der neue Popheld (der angeblich bei der deutschen Vorentscheidung zum Grand Prix antreten soll) prompt wieder an, rumzudrucksen:

Ich persönlich höre die Charts rauf und runter, aber auch sehr vielseitige Musik die nicht chartet, genau so deutsche Musik, wenn sie gut gemacht ist.

Mich fasziniert jeder Künstler, egal welche Musik er macht, wenn er es authentisch macht und verdammt gut ist.

Was soll man da noch sagen? Ein bißchen mehr Offenheit wäre nett gewesen, schließlich, was hätte André Stade von mir zu befürchten?

Der NDR hat auf meine vernichtende Kritik ebenfalls geantwortet. Etwas angepißt, aber diplomatisch. Sehr öffentlich-rechtlich eben.

So, nun aber Schluß! Mehr demnächst.

Ein schönes Neues Jahr wünscht Euch Euer Pressewart